Rollenbilder
Wie frei sind wir darin, unsere Rollen selbst zu wählen — und wie viel davon entsteht erst im Blick der anderen?
Acht Gemälde, die auf historische Bildnisse antworten — nicht als Kopie, sondern als Verschiebung. Kleidung, Gegenstände und Gesten wandern aus vergangenen Jahrhunderten in unsere Gegenwart und stellen eine einfache Frage: Wie schnell schreiben wir einem Menschen eine Rolle zu — Mutter, Künstlerin, Braut, Berufstätige — und was bleibt, wenn man sie ablegt?
Égalité · Fraternité · Liberté

Im Zentrum steht eine Frau, deren Rolle bewusst offen bleibt. Ausgeschnittene, flache Leinwandformen — nach dem Prinzip historischer Paper Dolls — lassen sich an der gemalten Figur anbringen und verwandeln sie in unterschiedliche Rollen. Körper und Gesicht bleiben gleich. Und doch glauben wir, jedes Mal eine andere Frau vor uns zu sehen.
Angelika Kauffmann malte sich 1794 selbst zwischen zwei Künsten — Musik und Malerei — und griff damit auf den klassischen Bildtypus „Herkules am Scheideweg“ zurück, mit dem seit der Renaissance der intellektuelle Anspruch von Kunst und Künstler:innen behauptet wurde. Kauffmann war eine der wenigen Frauen, die sich im 18. Jahrhundert als professionelle Künstlerin durchsetzten. In „Rollenbilder“ wird aus dem Scheideweg zwischen zwei Künsten ein Scheideweg zwischen vielen Rollen.

Die Begegnung
Wer begegnet hier wem? Zwei Formen von Gegenwart treffen aufeinander: historische Arbeit und heutige digitale Aufmerksamkeit.

Gespräch
Aspasia kam aus Milet nach Athen, war Metökin und bewegte sich in intellektuellen Kreisen. In der Reihe wird sie zur Figur weiblicher Gesprächskultur und geistiger Präsenz.

Das Mädchen
Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrring“ ist keine eindeutige Porträtdarstellung, sondern eine Studie von Ausdruck, Licht und Blick. In der heutigen Fassung bleibt die Figur präsent, aber nicht mehr zeitlos.

Das Huhn
So könnte dieser Raum vor 300 Jahren ausgesehen haben: Arbeit, Handwerk, Essen, Tier und Alltag lagen eng beieinander.

Werte
Cornelia, Mutter der Gracchen, galt in der römischen Antike als Ideal weiblicher Tugend. Überliefert ist die Szene, in der sie auf ihre Kinder verweist: „Das sind meine Juwelen.“

The Warrioress
Liotards „Schokoladenmädchen“ zeigt vermutlich eine junge Bedienstete bei der Arbeit — der Überlieferung nach soll sie später einen Adligen geheiratet haben, der sich in sie verliebte. Aus einer dienenden Rolle wird eine ganz andere. Hier verschiebt sich das Bild noch einmal: Aus dem Mädchen mit dem Tablett wird eine Kämpferin.

Das Spiel
Sofonisba Anguissola malte „Das Schachspiel“ mit etwa zwanzig Jahren — ihre Schwestern beim Spiel, selbstbewusst und im Gespräch miteinander, statt in steifen Einzelporträts. Wenige Jahre später wurde sie Hofmalerin am spanischen Königshof, eine der ersten Frauen überhaupt in dieser Position — zu einer Zeit, in der das alles andere als selbstverständlich war.

Atelier der Sinne, Berlin-Charlottenburg
Die Reihe entsteht im Ackerbürgerhaus von 1723 — kein Museum, sondern ein Haus, in dem seit Jahrhunderten gelebt und gearbeitet wird. Heute wird hier wieder gemalt, musiziert, gelesen, diskutiert. Die Vergangenheit wird nicht bewahrt, sondern in Beziehung zur Gegenwart gesetzt.
Wie frei sind wir darin, unsere Rollen selbst zu wählen — und wie viel davon entsteht erst im Blick der anderen?
Über die Künstlerin
Natalia Greger-Domagala ist Künstlerin und Musikerin und lebt und arbeitet in Berlin. Sie versteht sich nicht als Spezialistin einer einzelnen Kunst, sondern — wie schon Angelika Kauffmann, die sich selbst zwischen Musik und Malerei porträtierte — als jemand, der zwischen den Künsten arbeitet.
Ihre Ausbildung führte sie an die Universität der Künste Berlin, an die Hochschule des Saarlandes für Musik und Theater (heute Hochschule für Musik Saar) sowie an die Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken. Als Geigerin unterrichtet sie und tritt konzertant auf. Aus dieser Haltung heraus hat sie das Atelier der Sinne im historischen Ackerbürgerhaus in Charlottenburg als Ort für Musik, Malerei und Begegnung entwickelt und aufgebaut — Konzept, Programm und Atelierabende eingeschlossen — und leitet dort die Musik- und Kunstschule Berlin. In ihrer bildnerischen Arbeit verbindet sie historische Vorbilder mit gegenwärtigen Fragen nach Rolle, Blick und gesellschaftlicher Zuschreibung.
Unter dem Namen Natalia Domagala sind außerdem ein Gedichtband, „bitte 4 cl von deiner liebe für meinen tee“ (2005), sowie der Roman „Asymptoten — eine liebe in berlin“ (2006) erschienen.

