Wer sieht wen?
Zur Installation
Neben der gemalten Figur gibt es ausgeschnittene, flache Leinwandformen — nach dem Prinzip historischer „Paper Dolls“. Besucherinnen und Besucher können sie an das Gemälde anpinnen oder vor den eigenen Körper halten. Was als kleines Experiment gedacht war, hat beim ersten Atelierabend ein Eigenleben entwickelt: Manche hielten sich die Formen selbst vor den Körper, und stellten sich vor das Bild, um sich für einen Moment ins Zentrum zu rücken. Einmal stand da ein Mann mit einem Baby in der Manduca-Babytrage vor dem Bild.
Dabei zeigt sich etwas, das sich kaum in Worte fassen, aber sofort sehen lässt: Was eine Frau trägt — oder nicht trägt —, wird vor allem körperlich gelesen, sexualisiert gedeutet und bewertet. Das zeigt sich in der Werbung, im Blick der westlichen wie auch der globalen Bildkultur — und es zeigt sich in dem, was Frauen über Frauen geschrieben haben, wenn sie von genau dieser Erfahrung berichten. Es deckt sich mit dem, was ich selbst fühle und beobachte. Ein neutrales Erscheinen gibt es für Frauen kaum; selbst der Versuch, sich unauffällig oder betont sachlich zu kleiden, wird zur Aussage. Frauen werden also viel stärker auf ihren Körper zurückgeworfen als Männer — über Jugend und Alter hinweg, über Berufe und Rollen hinweg.
Das ist kein neues Phänomen. Historisch konnte der Mann für den Menschen schlechthin stehen – in der Medizin, in der Geschichtsschreibung, in der Kunst. Leonardo da Vincis berühmter vitruvianischer Mensch ist ein Mann. Und vielleicht wirkt dieser Mechanismus bis heute: Einstein, Beethoven oder Gandhi können in unserer Vorstellung erstaunlich selbstverständlich für Genie, Kunst oder Menschlichkeit stehen, ohne dass wir ihr Mannsein eigens mitdenken. Bei Marie Curie, Mutter Teresa, Hillary Clinton oder Michelle Obama scheint das Frausein dagegen kaum aus der Wahrnehmung zu verschwinden – es wird Teil ihrer Geschichte, ihrer öffentlichen Rolle, oft sogar ihrer Bewertung. Gibt es eigentlich eine berühmte Frau, die kulturell ebenso selbstverständlich einfach für „den Menschen“ stehen kann?
Diese Fragen begleiten mich nicht erst seit dieser Bildreihe. Sie sind über viele Jahre aus meiner eigenen Erfahrung als Frau in dieser Gesellschaft entstanden – seit der Pubertät und mit jeder neuen Lebensphase, in der Körper, Kleidung, Alter, Mutterschaft, Arbeit oder Auftreten wieder andere Zuschreibungen mit sich brachten.
Beim Lesen von Robin Morgans Anatomie der Freiheit bin ich auf eine Formulierung gestoßen, in der ich etwas von diesem lange vertrauten Empfinden wiedererkannte. In ihrem Buch greift Morgan, teils mit humorvoller Ironie, den alten Mythos von Psyche und Eros auf und fragt daran nach Freiheit: nach Liebe und Begehren, aber auch nach Angst, Tabus, gesellschaftlichen Erwartungen und den Bildern, durch die Frauen und Männer einander und sich selbst wahrnehmen. Hinter all diesen Bildern und Zuschreibungen liegt jedoch etwas viel Einfacheres – die Sehnsucht, vom anderen tatsächlich erkannt zu werden.
„Und doch gibt es in den Männern etwas, das erkannt, um seiner selbst willen geliebt werden möchte, etwas ganz Menschliches – nicht Untier und nicht Gott und auch nicht MANN. Und auch in den Frauen gibt es etwas, das sich zutiefst danach sehnt, erkannt und um seiner selbst willen geliebt zu werden […] und nicht weil es FRAU ist.“
— Robin Morgan, Anatomie der Freiheit, Originalausgabe 1982; deutschsprachige Ausgabe 1983, Verlag Frauenoffensive, München, S. 162.
Diese Seite wird wachsen: mit Fotos der Installation, mit den Reaktionen des Publikums, vielleicht mit Ausschnitten aus einem Vortrag zu genau dieser Frage — warum es für eine Frau kaum möglich ist, einfach neutral zu erscheinen.
Wer sieht wen?
Zur Installation
Diese Seite begleitet das zentrale Werk der Reihe und wächst mit jedem Atelierabend weiter — mit Fotos, Beobachtungen und Fragen rund um die Installation.
Neben der gemalten Bild gibt es ausgeschnittene, flache Leinwandformen — nach dem Prinzip historischer „Paper Dolls“. Besucherinnen und Besucher können sie an das Gemälde anpinnen oder vor den eigenen Körper halten. Was als kleines Experiment gedacht war, hat beim ersten Atelierabend ein Eigenleben entwickelt: Manche hielten sich die Formen selbst vor den Körper, und stellten sich vor das Bild, um sich für einen Moment ins Zentrum zu rücken. Einmal stand da ein Mann mit einem Baby in der Manduca-Babytrage vor dem Bild.
Dabei zeigt sich etwas, das sich kaum in Worte fassen, aber sofort sehen lässt: Was eine Frau trägt — oder nicht trägt —, wird vor allem körperlich gelesen, sexualisiert gedeutet und bewertet. Das zeigt sich in der Werbung, im Blick der westlichen wie auch der globalen Bildkultur — und es zeigt sich in dem, was Frauen über Frauen geschrieben haben, wenn sie von genau dieser Erfahrung berichten. Es deckt sich mit dem, was ich selbst fühle und beobachte. Ein neutrales Erscheinen gibt es für Frauen kaum; selbst der Versuch, sich unauffällig oder betont sachlich zu kleiden, wird zur Aussage. Frauen werden also viel stärker auf ihren Körper zurückgeworfen als Männer — über Jugend und Alter hinweg, über Berufe und Rollen hinweg.
Das ist kein neues Phänomen. Historisch konnte der Mann für den Menschen schlechthin stehen – in der Medizin, in der Geschichtsschreibung, in der Kunst. Leonardo da Vincis berühmter vitruvianischer Mensch ist ein Mann. Und vielleicht wirkt dieser Mechanismus bis heute: Einstein, Beethoven oder Gandhi können in unserer Vorstellung erstaunlich selbstverständlich für Genie, Kunst oder Menschlichkeit stehen, ohne dass wir ihr Mannsein eigens mitdenken. Bei Marie Curie, Mutter Teresa, Hillary Clinton oder Michelle Obama scheint das Frausein dagegen kaum aus der Wahrnehmung zu verschwinden – es wird Teil ihrer Geschichte, ihrer öffentlichen Rolle, oft sogar ihrer Bewertung. Gibt es eigentlich eine berühmte Frau, die kulturell ebenso selbstverständlich einfach für „den Menschen“ stehen kann?
Diese Fragen begleiten mich nicht erst seit dieser Bildreihe. Sie sind über viele Jahre aus meiner eigenen Erfahrung als Frau in dieser Gesellschaft entstanden – seit der Pubertät und mit jeder neuen Lebensphase, in der Körper, Kleidung, Alter, Mutterschaft, Arbeit oder Auftreten wieder andere Zuschreibungen mit sich brachten.
Beim Lesen von Robin Morgans Anatomie der Freiheit bin ich auf eine Formulierung gestoßen, in der ich etwas von diesem lange vertrauten Empfinden wiedererkannte. In ihrem Buch greift Morgan, teils mit humorvoller Ironie, den alten Mythos von Psyche und Eros auf und fragt daran nach Freiheit: nach Liebe und Begehren, aber auch nach Angst, Tabus, gesellschaftlichen Erwartungen und den Bildern, durch die Frauen und Männer einander und sich selbst wahrnehmen. Hinter all diesen Bildern und Zuschreibungen liegt jedoch etwas viel Einfacheres – die Sehnsucht, vom anderen tatsächlich erkannt zu werden.
„Und doch gibt es in den Männern etwas, das erkannt, um seiner selbst willen geliebt werden möchte, etwas ganz Menschliches – nicht Untier und nicht Gott und auch nicht MANN. Und auch in den Frauen gibt es etwas, das sich zutiefst danach sehnt, erkannt und um seiner selbst willen geliebt zu werden […] und nicht weil es FRAU ist.“
— Robin Morgan, Anatomie der Freiheit, Originalausgabe 1982; deutschsprachige Ausgabe 1983, Verlag Frauenoffensive, München, S. 162.
Diese Seite wird wachsen: mit Fotos der Installation, mit den Reaktionen des Publikums, vielleicht mit Ausschnitten aus einem Vortrag zu genau dieser Frage — warum es für eine Frau kaum möglich ist, einfach neutral zu erscheinen.

