Auf den Spuren klingender Räume
Orte, Bilder, Begegnungen und Musik, die manchmal schon gespielt wurde – und manchmal erst im Kopf existiert.
Schloss & Gut Liebenberg
Bach · Lili Boulanger
Liebenberg verbinde ich mit Klarheit und Natur, mit etwas Ruhigem und Weitem – aber nicht mit Zeitlosigkeit. Dafür ist die Geschichte an diesem Ort zu gegenwärtig. Geschichte ist für mich immer auch ein Wort für Widerstand: gegen das Vergessen, gegen das Glätten dessen, was gewesen ist.
Musikalisch höre ich hier zunächst Bach – die Ruhe und Klarheit der Air. Draußen im Garten verändert sich der Klang. Zwischen alten Bäumen, Blumen, Licht und dieser beinahe gemalten Landschaft wird er beweglicher und farbiger, fast impressionistisch. Lili Boulanger passt für mich überraschend gut dazu: Musik, die Natur nicht einfach beschreibt, sondern Licht, Bewegung und Farbe selbst zu werden scheint.


Noch hat diese Musik in Liebenberg nur in meinem Kopf stattgefunden. Vielleicht beginnt „Musik für Räume“ aber genau dort: einen Ort wahrzunehmen, seine Geschichte mitzudenken und sich zu fragen, welche Musik in ihm entstehen könnte.
Eine Begegnung am Rand
Beim Abendessen fragte der Kellner mehrmals, ob noch jemand käme. Irgendwann antwortete ich etwas trotzig: „Nein, ich bin glücklich, wie ich bin.“
Das Paar am Nachbartisch musste lachen – und plötzlich waren wir im Gespräch.
Kreta
Grieg · Stille · Zorba
Auf Kreta fand die Musik zunächst fast ausschließlich im Kopf statt.
Knossos – In der Halle des Bergkönigs

In Knossos hörte ich ausgerechnet Grieg: In der Halle des Bergkönigs. Beim Labyrinth und dem Minotaurus vielleicht eine ziemlich naheliegende Assoziation – aber sie war nun einmal da. Dem Minotaurus selbst sind wir übrigens nicht begegnet.
Savvathianon-Kloster – Höhlenkirche und Stille

Ganz anders die kleine Höhlenkirche im Savvathianon-Kloster. Dort fragte ich mich weniger, welche Musik in diesen Raum passen würde, als ob er überhaupt noch viel Musik braucht. Fels, Stille, Ikonen, ein Kind auf einem Stuhl. Vielleicht genügt an manchen Orten schon ein einzelner Ton – oder das Schweigen davor.
Stavros – Zorba, Tanz und die nicht mitgereiste Geige

Und dann Stavros: Zorba. Natürlich. Ich hatte mir vorgenommen, mit meinen Kindern dort den Tanz aus dem Film auszuprobieren. Die Kinder wollten nicht. Im Hotel fragte ich eine Mitarbeiterin, die zufällig sogar eine Tanzausbildung hat – sie konnte ihn auch nicht. Und den Film fanden wir auf keinem Streamingdienst.
Also blieb auch Zorba zunächst hauptsächlich in meinem Kopf. Ein paar Schritte probierte ich schließlich allein im Garten zwischen Olivenbäumen und kretischer Hitze.
Eigene Klänge entstanden diesmal ebenfalls nicht. Die Geige blieb in Berlin – für das Instrument im kleinen Koffer wollte Ryanair noch einmal rund 40 Euro extra. Manchmal scheitert Kunst auch einfach am Handgepäck.
Schloss Fleesensee
Vivaldi · Der Winter
Schloss Fleesensee im Winter war einer der Orte, an denen die Musik nicht nur in meinem Kopf blieb.
Draußen lag Schnee, und Vivaldis Winter war eigentlich unvermeidlich. Ich nahm die Geige mit hinaus und spielte den dritten Satz – diese Musik vom vorsichtigen Gehen auf dem Eis, vom Ausrutschen, Weiterlaufen und schließlich von den Winden, die immer heftiger aufeinanderprallen. Während ich spielte, wurde aus dem winterlichen Hintergrund tatsächlich immer mehr Schneetreiben. Das Wetter übernahm gewissermaßen einen Teil der Inszenierung.
Später, im Spa, brannte der Kamin. Plötzlich war da die andere Seite des Winters: Wärme, Ruhe, Rückzug. Fast derselbe Kontrast, den Vivaldi selbst in seinem Winter zeichnet – draußen Kälte und Bewegung, drinnen Schutz und Wärme.
Vielleicht war Fleesensee deshalb einer der ersten Orte, an denen sich die Idee von „Musik für Räume“ für mich ganz selbstverständlich gezeigt hat: Ein Raum oder eine Landschaft gibt nicht nur eine Kulisse ab.

